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DRM… Igitt.

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Adobe DRM in Theorie…
Der Leser bzw. die Leserin registriert sich mit einer E-Mail-Adresse, einem selbstgewählten Passwort und vollem Namen sowie Land des Wohnsitzes bei Adobe.
Diese „Adobe ID“ kann bei E-Readern sowohl E-Reading-Apps hinterlegt werden, um mit Adobe-DRM geschützte Inhalte zu öffnen. Für Laptops und Desktop-Rechner gibt es eine Software namens Adobe Digital Editions (nur für Windows und Mac OS, Linux-User müssen leider draussen bleiben), damit E-Books auf dem Endgerät gelesen werden können.

…und Praxis
Ich verkaufe seit rund 2,5 Jahren aktiv E-Reader. Seitdem begleitet mich der harte Kopierschutz von Adobe.

Tagtäglich. Im Laden. In meiner Freizeit. In meinen (Alb-)Träumen. 

Zuhause nutze ich Calibre um meine elektronischen Leseexemplare und meine gekauften E-Books verwalten zu können. Ich kann bei Calibre nach Dateiformaten sortieren, kann die Metadaten für einzelne Bücher oder ganze Stapel editieren, kann Tags hinzufügen und habe so für meinen heißgeliebten  PRS 650 (in rot <3 ) Sammlungen nach Genres und Leseexemplaren bzw. „privaten“ Büchern zur Verfügung. Es ist eine hübsche Open Source-Software, die mit Plug-Ins ausgestattet für die Verwaltung, aber auch für die Konvertierung von E-Books verwendet werden kann. Im Hintergrund habe ich ADE installiert, damit meine E-Books überhaupt auf meinen diversen Readern lesbar sind.

  • Ich verstehe gut, dass das (= eine von Hand gepflegte und getaggte E-Book-Bibliothek) nicht jeder braucht.
  • Ich verstehe gut, dass sich nicht jeder mit der etwas unruhigen und evtl. unübrsichtlichen UI (User Interface= Benutzeroberfläche) von Calibre beschäftigen möchte.
  • Ich verstehe ebenso gut, dass sich meine wenig technikverliebten Kunden nach dem gezwungenen Download von Adobe Digital Editions keine zweite E-Book-Verwaltungs-Software installieren möchten.

Ich verstehe nicht, was daran nicht zu verstehen ist. Der Leser und die Leserin möchte es möglichst einfach haben. Ist das illegitim? Ist das so verwunderlich? Muss man ihnen das verweigern?

Wenn ich in einem Beratungsgespräch soweit bin, dass ich die grundsätzlichen Vorzüge elektronischen Lesens erläutert habe, und begeistert ausgeführt habe, wie einfach der Download über Wlan funktioniert, folgt die trockene „ADE-Phase“.
Nach der Ausführung, dass viele Verlage und Shops auf den Kopierschutz von Adobe setzen, kommt bei mir immer der Hinweis auf die Desktop-Software, die zwingend notwendig ist, wenn man E-Books über einen PC/Laptop/Mac herunterladen möchte, um sie anschliessend auf eines oder mehrere Geräte zu synchronisieren.
Kaufe ich im Browser in einem beliebigen Shop ein E-Book (das mit Adobe DRM gesichert ist) und lade es herunter ohne dass ADE auf meinem Endgerät installiert UND mit einer Adobe ID autorisiert ist, dann ist diese Datei anschliessend an meine Hardware gebunden. Ich kann diese Datei also nur auf diesem einen Endgerät öffnen. Großartig.

Kann sich eigentlich jemand jenseits der „Front“ vorstellen, wie oft Menschen E-Books kaufen, ohne sich vorher darüber zu informieren, was passiert, wenn ich nichts von ADE weiss? In meinem Arbeitsalltag tauchen diese Fälle inzwischen seltener auf, was ich aber ganz selbstbewusst unserer sorgfältigen Beratung zuschreibe. Unsere Kunden wissen in den meisten Fällen, was sie tun müssen, bevor sie durchstarten, weil wir viel Zeit in diese Gespräche investieren.

Aber das war ein Lernprozess. Der war nicht schön. Ich möchte nicht jammern, nicht lamentieren.
Na gut, vielleicht ein bisschen. Das war aber auch hart manchmal!
Da ringen Leser und Leserin sich trotz großer Papierliebe und Technik-Aversion zu einem E-Reader durch, und dann scheitern sie an so einer (Pardon my french!) blöden Desktop-Software.
Kleine Auswahl unserer Stolpersteine gefällig?

  • Kann nur installiert werden, wenn Administratoren-Rechte vorhanden sind. Sind vorhanden, klappt trotzdem nicht. Irgendein Problem mit Ports, das gehäuft auftritt.
  • Innerhalb eines Haushaltes aus (vollkommen legitimer) Unwissenheit zwei Adobe-IDs registriert.
  • Ewig lange Telefon-„Ich lotse Sie jetzt Schritt für Schritt dadurch“-Gespräche. Dann doch an den technischen Support abgeben, weil ich keine IT-Fachfrau bin (egal, was meine Kolleginnen denken). Hinterher selber nochmal den Support genervt, weil ich fürs nächste mal wissen will, wie’s geht.
  • Reader mehrfach auf Werkseinstellungen zurückgesetzt, jede anschliessende Anmeldung des Readers wurde als neue Lizenz gewertet, somit irgendwann die Fehlermeldung, dass keine Lizenzen mehr zur Verfügung stehen, obwohl doch nur ein PC und ein Reader für diese ID genutzt werden.
  • Verzweifelt auf der Adobe-Website nach dem Punkt zu suchen, wo ich beim Support beantragen kann, dass der „Zähler“ auf Null zurückgesetzt wird. Seit Kurzem finde ich diese Möglichkeit nicht mehr (bin dankbar über Hinweise!), was dazu führt, dass ich inzwischen schon mehrfach im Laden mit englischsprachigen Supportagents von Adobe gechattet habe, um das Lizenzvolumen für Kunden zurück setzen zu lassen.

Natürlich klappt die Installation oft reibungslos. Kein Konflikt mit Nutzerrechten, keine aus Versehen doppelt registrierten User.

Und dann kommt ein Fall wie die Kundin heute. Unglaublich nette Dame, sehr geduldig mit mir und den Kolleginnen. Wir haben ihre Adobe-ID auf ihrem Gerät ausgelesen, mussten dann aber aus technischen Gründen eine Neuanmeldung durchführen und plötzlich wurde die Adobe ID und das Kennwort nicht mehr akzeptiert. Auf der Adobe Website war auch kein Erfolg zu vermelden (Klappt die Registrierung auf einem Reader nicht, versuche ich als Nächstes immer, eine Anmeldung über die Adobe-Website direkt durchzuführen, um zu schauen, ob wir einen Eingabefehler haben oder ob der Log-in tatsächlich nicht möglich ist mit den vorhandenen Daten).
Der Versuch, einen Link zur Erstellung eines neuen Passwortes zuschicken zu lassen, erbrachte überraschend die Meldung, die E-Mail-Adresse der Kundin sei bei Adobe im System nicht zu finden. Die Kundin hat aber definitiv vorher ein DRM-geschütztes E-Book auf ihrem Reader gehabt und auch lesen können. Sie besitzt nur diese eine E-Mail-Adresse.
Mit Bauchgrimmen versuche ich, die Hotline von Adobe anzurufen, da ist aber um 17:20 niemand mehr zu erreichen.
Das Ende vom Lied ist, dass ich die Kundin mit der Adobe-Hotline-Nummer in der Hand entlassen muss und sie selber versuchen möchte, während der aktiven Zeiten bei Adobe anzurufen und zu eruieren, wo der Fehler liegt.

Darf ich das ganz direkt benennen? Ich finde es eine Frechheit, das der Kundin zuzumuten.
Ich möchte nicht, dass meine Kunden und Kundinnen sich damit herumärgern müssen. Diese Schwierigkeiten frustrieren, führen dazu, dass gerade die vielen Leser und Leserinnen, die sich vor „Technikbohei“ fürchten abwandern in Systeme, die ihnen das ersparen. Namentlich: die geschlossenen Ökosysteme von Apple und Amazon, wo der Kopierschutz für die Nutzer nicht spürbar ist.

Wie sieht’s denn mit Alternativen aus?
In Gesprächen mit Verlagsmenschen hat sich für mich herauskristallisiert, dass es für einige Teilnehmer der Wertschöpfungskette (angefangen bei den Autoren) ein Bedürfnis gibt, ihr Werk gegen unlautere Kopien zu schützen. Gut. Natürlich habe ich eine eigene Meinung dazu, aber ich bin auch auf einer anderen Ebene von Kopierschutz betroffen.
Nichtdestotrotz finde ich den Status Quo nicht tragbar.

Heute habe ich gelesen, dass das Fraunhofer-Institut an einer Lösung für sogenanntes „softes“ DRM arbeitet.
Unterstützt unter anderem von der MVB. Softes DRM sind zum Beispiel Wasserzeichen in einer Datei. Darüber lässt sich der Ursprung einer Datei zurückverfolgen, ohne dass der Nutzer direkt in der Nutzung eingeschränkt wird. Ich bin froh, über jeden, der über softes DRM als Alternative zum harten DRM nachdenkt, ehrlich. Aber:
Diese spezielle Variante setzt auf eine kleine Veränderung im Text. Bei den Beispielen, die das Fraunhofer Institut veröffentlicht hat, wird zum Beispiel statt „unsichtbar“ in einer Kopie des Textes „nicht sichtbar“ verwendet. Anhand dieser einmaligen Änderung im Text liesse sich zurückverfolgen, welche Kopie da als Piratengut im Internet treibt.
Muss ich tatsächlich betonen, was mich daran stört? Veränderte Texte? Bitte?
Aber da schweife ich jetzt ab.

Ich fänd’s, total naiv und aus meiner Sicht als Servicekraft (das schreibe ich übrigens ohne Bitterkeit), schön, wenn man meinen Kunden und Kundinnen nicht gleich kriminelle Energie unterstellte.
Dass sich das harte DRM mit ein bisschen Google-Recherche und wenigen Mausklicks entfernen lässt, wissen wir doch alle, nicht? Ein Hindernis ist es überwiegend für meine ehrlichen Kunden und Kundinnen. Und mich.

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eluise

Autor: eluise

35 Jahre alt, Buchhändlerin, Musiknärrin, Bilderbuchfan, Teilzeitnerd

11 Kommentare

  1. Ich hatte genau dieses Problem vor nicht allzu langer Zeit. Seitdem meide ich DRM wie die Pest. Völlig unpraktisch und unklar ausgeführt. Ich bin kein Idiot, was Technik und Computer anbelangt, und selbst ich habe die Warnmeldung bei der Installation nicht als zwingenden Aufruf empfunden, mich zu registrieren. Ich registriere mich prinzipiell äußerst ungern und wirklich nur, wenn’s unbedingt sein muss. Am Ende hatte ich riesige Probleme – es wurde m.E. nicht klar angegeben, dass es in diesem Fall wohl doch „unbedingt sein muss“.
    Und ich empfinde es, genau wie du, als unverschämt, dass man mir von vorneherein unterstellt, dass ich vorhabe, das Buch zu kopieren und weiterzuleiten. Kann man das nicht anders unterbinden?!?

  2. Luise, ich halte Dich für eine der exzeptionellsten Vertreterinnen Deines Fachs und zolle Dir tiefen Respekt für die Art und Weise, mit der Du Deiner Berufung nachgehst. You rock.

  3. Ganz großes IGITT!

    Erst letztens las ich einen Artikel, in dem stand, dass sich 90 Prozent aller Supportanfragen in Sachen eReading auf DRM und den Problemen damit beziehen.

    Ich frage mich, weshalb viele Verlage und auch Autoren immer noch so viel Wert darauf legen. Vor allem, da doch inzwischen bekannt ist, dass DRM nicht davor schützt, dass die elektronischen Bücher in illegalen Quellen landen. Beispiele hierfür gibt es doch nun wirklich mehr als genug.

    Wie Du geschrieben hast, Eluise, haben viele Kunden mit ADE etc. Probleme – aus den unterschiedlichsten Gründen.

    Für meine Mami ist ihr eReader zum Beispiel eine sehr große Hilfe, da sie aufgrund von Arthritis keine schweren Bücher mehr halten kann. Mit ADE etc. brauche ich ihr jedoch gar nicht erst zu kommen, daher erledige ich Käufe etc. für sie. Doch nicht jeder hat – wie schreibst Du so schön – einen Teilzeit-Nerd in der Familie oder im Freundeskreis.

  4. Pingback: Projekt SiDiM: DRM bei E-Books und Unmut im Netz | Meier-meint.de

  5. Wer „unsichtbar“ in Bedeutung und Verwendung für identisch mit „nicht sichtbar“ hält, bei dem wäre es ganz gut wenn er beruflich nichts mit Sprache macht.

  6. Nicht nur die Buchhändler stehen auf dem verlorenen Posten von Adobe, sondern auch das deutschsprachige Bibliothekswesen. Admins können 10.000 PCs verwalten, aber nur 5 Reader. Dank einer völlig idiotischen DRM Politik. Das DRM wäre ja noch erträglich, aber der Service von Adobe ist unterirdisch. Auch ich chatte und telefoniere dank 25 zu betreuender E-Reader regelmäßig mit diesem Laden.
    Kein Wunder dass man sich privat Plug-ins in Calibre portiert, die einen befreien und daher wissen das Alf nicht nur ein Zottelwesen einer TV-Serie ist.

    Wo bleibt das viel sichere und einfachere Wasserzeichen. Bei jedem Ausdruck von Stiftung Warentest oder c´t gibt es den Hinweis auf den Nutzer. Aber eben kein hartes DRM.

    Und wer eben nicht die Ökosysteme haben will fällt beinah unfreiwillig in den Piratenmarkt.

    Zuletzt schicken die Marktriesen mit dem Tolino auch noch ein Gerät in den Markt, der in seiner Cloud noch ein zusätzliches DRM kennt. Da wird das Erlebnis nun doppelt gesichert.

    Hut ab vor allen, die hier an vorderster Front dem Wahnsinn kämpfen. Der Passierschein A38 ist ein klacks dagegen.

  7. Einfach großartig auf den Punkt gebracht!

  8. Pingback: DRM der Zukunft: Individualisierte E-Books. Ernsthaft? » Debatte, eBooks » lesen.net

  9. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (24.KW’13) – Vertretung Lesewolke | Bibliothekarisch.de

  10. Pingback: Papiergeflüster » Eine Buchhändlerin und die E-Books

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